Maskenpflicht!

Maskenpflicht!

aus »Party bitte nowhere – Keine Szenen aus dem Untergrund«

In einer Schusterwerkstatt in der Nähe des Untergrunds. Der Schustermeister Gerhard Thujenhecke näht jetzt Schutzmasken. Sein Stammkunde Erwin ist 55 Jahre alt, trägt gerne Birkenstock und arbeitet Teilzeit – derzeit in Kurzarbeit.

Glocke an der Ladentüre bimmelt.

Schustermeister schaut auf: Da Erwin! Jo, servas! Brauchst du leicht auch a Maskn?

Erwin: Dere! A Bier brauch i!

Der Schustermeister holt dem langjährigen Stammkunden ein Bier aus dem Kühlschrank im hinteren Teil seiner Werkstatt. Blobb! (Bier geht über)

Erwin: Donk da schen! Nimmt einen kräftigen Schluck und rülpst. A ka G’schäft mehr mit die Schua wos? Eh kloar wenn jetzt olle daham sitzn, wie sul do a Schua a Loch kriag‘n?

Der Schustermeister nickt zustimmend und schneidet eine Stoffbahn zu.

Erwin leicht agrresiv: Jo, Jo… Wos sul des vir a Leb’n sein? Ka Saufen, ka Sex und ka Glückspül! Bin i leicht scho hin?

Schustermeister gelangweilt: Wos is denn leicht mit deiner Freindin passiert?

Erwin: Geh her mi mit der auf! Furt is, über olle Berg is. Scho vur Woch‘n. Kaum hot’s g’hert g‘hobt, dos Karantäne is, do hot’s glei oll’s zaum pockt und weg wor’s. So schnöl host gor ned schau‘n kennan.

Schustermeister: Verständlich. Wer zohlt schon gern für an Spaziergang mit dir 500€? Brauchst jetzt an Mundschutz oder ned? 7 € Freindschaftspreis nur für di!

Erwin: Danke an Fetzen hob i söba a.

Schustermeister: Und i hob glaubt du trinkst jetzt nix mehr.

Erwin mit dem Finger auf den Schustermeister zeigend: Daham zöhlt‘s ned! wankend

Schustermeister: He! Obstand holten! Ahn Meter!

Erwin: Wer wird’n di scho obusserln wulln. Ha? höhnisches Lachen

Schustermeister: Da red der Richtige!

Erwin jetzt wieder mit Abstand: Wast Potsch’n Picka? Wos des anzig schene an dera Situation is?

Schustermeister: Dos du grod daham bleiben muast?

Erwin mit dem Kopf schüttelnd: Na…. Dos der der Untergrund zua is! Des daugt ma so richtig! D’rauf mias ma anstoßen! Host wos do? Mit an bisserl an Geist vielleicht?

Der Schustermeister holt eine Flasche Wodka unter seinem Bügelbrett hervor.

Schustermeister: Der is so richtig stork! Hoffentlich steigt er dir in Kopf! Do wär nämlich Bedarf! lacht hämisch

Erwin: Prost! Du Trottel! Jo, jo… Der Untergrund is zua! Jiha! grinst Minuten lang vor sich hin

Schustermeister: Brauchst du jetzt an Mundschutz oder bist du nur zum Saufn do?

Erwin: I sauf nerma! Merk dir des endlich amol! Jetzt gib holt her so a Maskn!

Gerhard Thujenhecke reicht ihm einen Mund-Nasen-Schutz aus schwarzem Stoff. Der Stammkunde setzt ihn umständlich auf und berührt dabei jede Stelle seines Gesichts mindestens einmal.

Schustermeister: Super! Steht dir wirklich guat! Ausgezeichnet! Do beim Kin werd ich ihn dir noch a bissl enger nähen. Sonst Tip Top!

Erwin rülpst in den Mundschutz und reicht ihn dem Schustermeister. Der passt ihn angewidert an.

Schustermeister: So! jetzt bist gerüstet für die Pandemie!

Erwin: Fia wos? Wurscht, do host die 7 €, du oida holsobschneida!

Schustermeister: Danke, Erwin! Servas und g’sund bleib’n!

Erwin: Dere!

Draußen grüßt ihn erfreut Kollektivist XY vom Fahrrad. Am Mundschutz des verdutzen Erwin steht gedruckt: Undergrund bleibt! #Schönste Hütte

Remote Control

Remote Control

aus »Party bitte nowhere – Keine Szenen aus dem Untergrund«

Die Räumlichkeiten des Magistrates sind verweist. Alle Amtsdiener sind im Home Office und kämpfen abwechselnd mit dem VPN-Zugang oder der W-Lan Verbindung.

Amtsdiener 314 per WhatsApp: Hallo Berndi, du, wie sollen wir jetzt kontrollieren, wenn alle Lokale geschlossen sind? GLG Gerry

Amtsdiener 312: Na, was glaubst?

Amtsdiener 314: Gar nicht?

Amtsdiener 312: Online! Home Office hat’s geheißen!

Amtsdiener 314: Alles klar, Chef!

Amtsdiener 312 zu sich selbst: Jetzt macht sich unsere Digitalisierungsstrategie bezahlt! Lacht konspirativ.

Stunden später gelingt es Amtsdiener 314 sich in die Videokonferenz des Untergrunds einzuklinken, indem er bei Jitsi Meet alle 3.000 ihm bekannten Kombinationen mit »Untergrund« durchprobiert hat.

Szenenwechsel. Der Untergrund virtuell nachgebaut. 18 Kollektivist*innen, alle vermummt, sitzen nichtsahnend herum, trinken Dosenbier und sinnieren über das agitatorische Potential von seichten Dramoletten.

Amtsdiener 314: Guten Tag! Sind Sie hier verantwortlich? Kontrolle! Magistrat!

Kollektivist XY: Ja. Was wollen Sie? Wir haben geschlossen!

Amtsdiener 314: Sie wissen ganz genau, dass Sie nichts mehr ausschenken dürfen! Und was muss ich da sehen? Duzende Vereinsmitglieder sitzen hier mit Bier vor dem PC!

Textnachricht von Kollektivist 2 versehentlich an alle geschickt: Scheiße! Wie ist der hier reingekommen? Dachte wir hätten alles verschlüsselt?

Textnachricht von Kollektivist 3: Die Programmierer haben anscheinend eine Hintertür eingebaut. Habens den nicht schon mal entlassen gehabt?

Textnachricht Kollektivistin1: Pragmatisiert!

Textnachricht Kollektivist 2: 😮 👿  Textnachricht Kollektivist 3: 🙄

Kollektivist XY ungläubiges Stirnrunzeln: Das Bier haben alle selbst mitgebracht. Außerdem sitzen alle zu Hause.

Amtsdiener 314: Das werden wir noch fest zu stellen haben. Für mich und den Herrn Stadtrat äh Herrn Abteilungsleiter ist die Sache glasklar oder wie wir zu sagen pflegen: klipp und klar!

Kollektivist3: Alles klar.

Amtsdiener 314: Ganz klar! Sie betreiben nach wie vor ein Gewerbe! Es ist nach wie vor finster und laut!

Kollektivist 3 schaltet das Licht ein und nimmt eine Platte vom Plattenteller.

KollektivistXY: Wir haben noch nie ein Gewerbe betrieben! Sie schulden uns noch 2€ freiwillige Spende fürs Cola von der letzten Kontrolle. Schickt PayPal-Link per PM.

Freudiges Gejohle verursacht massives Feedback.

Kollektivist 2: He! Können bitte alle ihre Micros muten? Danke! 😊

Kollektivist 3 teilt unabsichtlich seinen Bildschirm mit dem simultan geschriebenen Gedächtnisprotokoll.

Amtsdiener 314 Micro gemutet: Meine Herrn, Sie…

Kollektivist XY: Entschuldigung, aber Ihr Micro ist ausgeschaltet.

Amtsdiener 314 verärgert: Was… Sie nicht sagen! Meine Herrn, …

Kollektivistin1 rufend: Und Damen! Wobei so binäre Geschlechterdefinitionen find ich eh per se problematisch…

Allgemeine Zustimmung. Selbst der Amtsdiener winkt mit den Händen.

Amtsdiener 314: Sie!!!! Wie Sie… wissen, frage ich solange nach bis Sie sich verplappern!

Kollektivist 2 schickt einen Daumen hoch.

Kollektivist XY: Ist bekannt. Danke für den Hinweis!

Amtsdiener 314: Anzeige ist raus! Falls Sie die digitale Signatur verwenden… plötzlicher Abbruch

Amtsdiener 314 wurde von Kollektivist3 aus der Konversation entfernt.

Kollektivist 2: Endlich ist er Weg. Der nervt vielleicht…  So! Wer braucht noch ein Bier? im Aufstehen

Perspektivenwechsel. Ansicht von oben. 18 Kollektivist*innen, alle vermummt, jeweils mit Bier im Untergrund vor einem Notebook sitzend.

Neue Serie

Keine Szenen aus dem Untergrund!

Du fragst mich, wie’s dem Untergrund geht? Ich antworte dir in Dramoletten. Unter dem Titel »Party bitte nowhere! – Keine Szene aus dem Untergrund«, werde ich hier jetzt unregelmäßig kurze Dramolette über den illustren Kollektivist*innen-Haufen im Social Distancing veröffentlichen.

Sind alle Kollektivist*innen brav zu Hause? Taggen IReck, Bertl und Humor jetzt ihre eigenen Wände? Will der Punk immer noch scheiße mit dir reden? Würgt der Bärtige Bernd jetzt sich selbst? Kontrollieren sich Amtsdiener 312 und 314 jetzt gegenseitig? Schneidert Schustermeister Gerhard Thujenhecke neuerdings Schutzmasken? Findet LSD-Heini in seiner WG endlich die Schuhe seiner (Ex-)Mitbewohnerin? Geht Punk1 wohl eh mit Sumpfi Gassi? Haben Kiwara 13 und 12 die beste Zeit ihres Lebens? Fragt sich der Bobo in seiner 118m² Altbauwohnung zwischen einer Zoom Acro Yoga-Session und einer Fenchel-Falafel-Bowl, die umweltschonend von einem Fahrradkurier geliefert wurde, wie sich eine Alleinerzieherin mit 3 Kindern auf 43m² ohne Balkon fühlt?

Wer sich wundert, wer sollen diese Leute sein und warum fühlt sich das alles so gut an? Der hat offenbar die Szenen aus dem Untergrund 1-3 nicht gelesen. Heft 1 ist schon ewig vergriffen, Heft 2 (knapp davor, nur noch 8 Exemplare!) und Heft 3 könnt ihr noch erwerben. Bestellungen sind jederzeit bei mir möglich bzw. erwünscht. Dafür geh ich sogar zur Post oder versuche mich als Rad-Kurier (Geidorf only!).
Morgen geht’s los!