Remote Control

Remote Control

aus »Party bitte nowhere – Keine Szenen aus dem Untergrund«

Die Räumlichkeiten des Magistrates sind verweist. Alle Amtsdiener sind im Home Office und kämpfen abwechselnd mit dem VPN-Zugang oder der W-Lan Verbindung.

Amtsdiener 314 per WhatsApp: Hallo Berndi, du, wie sollen wir jetzt kontrollieren, wenn alle Lokale geschlossen sind? GLG Gerry

Amtsdiener 312: Na, was glaubst?

Amtsdiener 314: Gar nicht?

Amtsdiener 312: Online! Home Office hat’s geheißen!

Amtsdiener 314: Alles klar, Chef!

Amtsdiener 312 zu sich selbst: Jetzt macht sich unsere Digitalisierungsstrategie bezahlt! Lacht konspirativ.

Stunden später gelingt es Amtsdiener 314 sich in die Videokonferenz des Untergrunds einzuklinken, indem er bei Jitsi Meet alle 3.000 ihm bekannten Kombinationen mit »Untergrund« durchprobiert hat.

Szenenwechsel. Der Untergrund virtuell nachgebaut. 18 Kollektivist*innen, alle vermummt, sitzen nichtsahnend herum, trinken Dosenbier und sinnieren über das agitatorische Potential von seichten Dramoletten.

Amtsdiener 314: Guten Tag! Sind Sie hier verantwortlich? Kontrolle! Magistrat!

Kollektivist XY: Ja. Was wollen Sie? Wir haben geschlossen!

Amtsdiener 314: Sie wissen ganz genau, dass Sie nichts mehr ausschenken dürfen! Und was muss ich da sehen? Duzende Vereinsmitglieder sitzen hier mit Bier vor dem PC!

Textnachricht von Kollektivist 2 versehentlich an alle geschickt: Scheiße! Wie ist der hier reingekommen? Dachte wir hätten alles verschlüsselt?

Textnachricht von Kollektivist 3: Die Programmierer haben anscheinend eine Hintertür eingebaut. Habens den nicht schon mal entlassen gehabt?

Textnachricht Kollektivistin1: Pragmatisiert!

Textnachricht Kollektivist 2: 😮 👿  Textnachricht Kollektivist 3: 🙄

Kollektivist XY ungläubiges Stirnrunzeln: Das Bier haben alle selbst mitgebracht. Außerdem sitzen alle zu Hause.

Amtsdiener 314: Das werden wir noch fest zu stellen haben. Für mich und den Herrn Stadtrat äh Herrn Abteilungsleiter ist die Sache glasklar oder wie wir zu sagen pflegen: klipp und klar!

Kollektivist3: Alles klar.

Amtsdiener 314: Ganz klar! Sie betreiben nach wie vor ein Gewerbe! Es ist nach wie vor finster und laut!

Kollektivist 3 schaltet das Licht ein und nimmt eine Platte vom Plattenteller.

KollektivistXY: Wir haben noch nie ein Gewerbe betrieben! Sie schulden uns noch 2€ freiwillige Spende fürs Cola von der letzten Kontrolle. Schickt PayPal-Link per PM.

Freudiges Gejohle verursacht massives Feedback.

Kollektivist 2: He! Können bitte alle ihre Micros muten? Danke! 😊

Kollektivist 3 teilt unabsichtlich seinen Bildschirm mit dem simultan geschriebenen Gedächtnisprotokoll.

Amtsdiener 314 Micro gemutet: Meine Herrn, Sie…

Kollektivist XY: Entschuldigung, aber Ihr Micro ist ausgeschaltet.

Amtsdiener 314 verärgert: Was… Sie nicht sagen! Meine Herrn, …

Kollektivistin1 rufend: Und Damen! Wobei so binäre Geschlechterdefinitionen find ich eh per se problematisch…

Allgemeine Zustimmung. Selbst der Amtsdiener winkt mit den Händen.

Amtsdiener 314: Sie!!!! Wie Sie… wissen, frage ich solange nach bis Sie sich verplappern!

Kollektivist 2 schickt einen Daumen hoch.

Kollektivist XY: Ist bekannt. Danke für den Hinweis!

Amtsdiener 314: Anzeige ist raus! Falls Sie die digitale Signatur verwenden… plötzlicher Abbruch

Amtsdiener 314 wurde von Kollektivist3 aus der Konversation entfernt.

Kollektivist 2: Endlich ist er Weg. Der nervt vielleicht…  So! Wer braucht noch ein Bier? im Aufstehen

Perspektivenwechsel. Ansicht von oben. 18 Kollektivist*innen, alle vermummt, jeweils mit Bier im Untergrund vor einem Notebook sitzend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.